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Biker 1x1 "Die Streckensperrung"

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Biker 1x1 "Die Streckensperrung" 
BeitragVerfasst am: 14. März 2007 09:34
Comet
Piratenkapitän
Anmeldedatum: 26.02.2007
Beiträge: 481
Die Streckensperrung





Eine Straße ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten. Im

Prinzip. Diesem Prinzip stellen sich zum Beispiel Berge in den Weg,

Aussiedlerhöfe und tausendjährige Eichen. Darum hat die Menschheit die

Kurve erfunden.



Die längste Verbindung zwischen zwei Punkten findet man an den Stauseen

unserer Mittelgebirge. Folglich auch die schönsten Serpentinen und

dramatischsten Kurvenkombinationen. Weil ein Motorradfahrer sich

überhaupt niemals für die kürzeste, sondern immer für die kurvenreichste

Verbindung zwischen zwei Punkten interessiert, nimmt er am Wochenende

die Generalkarte zur Hand und sucht nach blauen Flecken im

Mittelgebirge. Ein solcher blauer Fleck ist der Rursee in der Eifel.



Kaum ist der Motorradfahrer am Ufer des Rursees angekommen, die Reifen

sind warm, die Hüften locker, steht er vor einem Verkehrsschild:

Fahrverbot für Motorräder.



Das Problem ist: Nicht ein Motorradfahrer nimmt am Wochenende die

Generalkarte zur Hand. Auch nicht hundert. Tausende suchen nach

Talsperren als Tagesziel, um dort zu finden, was der Motorradfahrer zu

seinem Glück braucht: Schräglage. Besonders die armen Holländer kommen

in hellen Scharen: Sie haben daheim weder Stauseen noch Kurven. Und es

erzittern bei schönem Wetter die sonst so verschlafenen Eifeltäler von

den dahindonnernden Motorrädern. Die Dörfler halten ihre Kinder im Haus.

Über der Szene kreist der Rettungshubschrauber.



Eines Tages rief ein Kölner Rechtsanwalt, dem es in seinem

Wochenendhäuschen in Woffelsbach am Rursee zu laut geworden war, bei der

Bezirksregierung an. Seit Ostern ist nun die Straße zwischen Woffelsbach

und der oberen Staumauer für Motorräder gesperrt. Samstags, sonntags und

feiertags.



Diese plötzliche Ruhe in Steckenborn! Steckenborm liegt in der Höhe, von

hier stürzt sich eine Straße kurvenreich in die Tiefe nach Woffelsbach.

Zu Hunderten preschten hier an Sommertagen die Motorräder talwärts. Auf

dem Asphalt sind Sprüche zu lesen. "Nordschleife" zum Beispiel,

"Suzuki-Kurve, Gas! Ab hier 160!" Oder: "Watzmann's 4. Weizen". Watzmann

ist der anerkannt schnellste Steckenborner. Das vierte Weizen war zu

viel.



"Boxengasse" und "Fahrerlager" steht am Parkplatz mit Seeblick. Hier

waren es immer vierzig, fünfzig Motorradfahrer, die herumstanden und

Kurvenlagen kommentierten.



In diesem Teil der Eifel tragen die Leitplanken Schaumprotektoren. An

den Straßenrändern stehen Kreuze für die Gefallenen. "Fahrt euch doch am

Nürburgring tot!" schlagen Einheimische vor. Der Nürburgring liegt

achtzig Kilometer südlich. Sein Nachteil: Die Runde kostet 22 Mark. Am

Rursee dagegen fährt man kostenlos. Leider kann es hier manchmal

Gegenverkehr und Fußgänger oder Tiere auf der Fahrbahn geben. Das wird

manchmal vergessen.



Menschen, die gleichzeitig Motorradfahrer und Eifelbewohner sind,

betrachten das Thema Streckensperrungen differenziert. Die Ruhe,

natürlich, ist schön. Schön auch, daß diese Verrückten mit ihren 140 PS,

den jaulenden Vierzylindern und von allen Schalldämpfern befreiten

"Krawalltüten" vergrault werden, sobald sich das Fahrverbot

herumgesprochen hat. Andererseits stehen auch für die Eifelbewohner

Lieblingsstrecken auf dem Spiel.



Betrachten wir Ernie aus Steckenborn. Sozialarbeiter, zwei Kinder, Moto

Guzzi mit Lafranconi-Auspufftüten, die keinen guten Ruf, aber einen

guten Sound haben. Ernie ist "heute vernünftig". Als jugendlicher

Mopedfahrer hat er runter nach Woffelsbach jeden abgehängt. Gefahren

wurde nur auf der äußersten Profilrille. Held der Dorfjugend war, wer

nach wiederholtem Aufsetzen die spitzesten Fußrasten vorweisen konnte.



Selbst zwei lebensbedrohende und zahllose kleinere Unfälle konnten das

Verhältnis zwischen Ernie und seinem Motorrad nie ernsthaft trüben. Erst

neulich ist sein Kumpel unter einer Leitplanke durchgerutscht -

querschnittsgelähmt. Trotzdem: Wenn die Sonne rauskommt über der Eifel,

juckt es in der Gashand. Dann muß Ernie eben mal runter, an den Rursee.

An irgendwelche Rekorde denkt Ernie dabei nicht. Ein Bekannter ist stolz

darauf, daß er die lange Kurve vor Steckenborn mit 180 nimmt, beim

Kurvenausgang voll aufdreht und am Ortseingangsschild 220 Sachen auf der

Uhr hat. Eine Leistung, von der unter Motorradfahrern mit einer Mischung

aus Respekt und Kritik gesprochen wird.



"Nur die Besten sterben jung", hat ein Idiot auf den Asphalt gekritzelt.

Teil des Motorradproblems am Rursee ist es, daß an sonnigen Wochenenden

zu viele hier eintreffen, die den Spruch gar nicht für idiotisch halten.











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Mit freundlichen Grüßen





Comet
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