| Comet |
| Piratenkapitän |
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| Anmeldedatum: 26.02.2007 |
| Beiträge: 481 |
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Die Streckensperrung
Eine Straße ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten. Im
Prinzip. Diesem Prinzip stellen sich zum Beispiel Berge in den Weg,
Aussiedlerhöfe und tausendjährige Eichen. Darum hat die Menschheit die
Kurve erfunden.
Die längste Verbindung zwischen zwei Punkten findet man an den Stauseen
unserer Mittelgebirge. Folglich auch die schönsten Serpentinen und
dramatischsten Kurvenkombinationen. Weil ein Motorradfahrer sich
überhaupt niemals für die kürzeste, sondern immer für die kurvenreichste
Verbindung zwischen zwei Punkten interessiert, nimmt er am Wochenende
die Generalkarte zur Hand und sucht nach blauen Flecken im
Mittelgebirge. Ein solcher blauer Fleck ist der Rursee in der Eifel.
Kaum ist der Motorradfahrer am Ufer des Rursees angekommen, die Reifen
sind warm, die Hüften locker, steht er vor einem Verkehrsschild:
Fahrverbot für Motorräder.
Das Problem ist: Nicht ein Motorradfahrer nimmt am Wochenende die
Generalkarte zur Hand. Auch nicht hundert. Tausende suchen nach
Talsperren als Tagesziel, um dort zu finden, was der Motorradfahrer zu
seinem Glück braucht: Schräglage. Besonders die armen Holländer kommen
in hellen Scharen: Sie haben daheim weder Stauseen noch Kurven. Und es
erzittern bei schönem Wetter die sonst so verschlafenen Eifeltäler von
den dahindonnernden Motorrädern. Die Dörfler halten ihre Kinder im Haus.
Über der Szene kreist der Rettungshubschrauber.
Eines Tages rief ein Kölner Rechtsanwalt, dem es in seinem
Wochenendhäuschen in Woffelsbach am Rursee zu laut geworden war, bei der
Bezirksregierung an. Seit Ostern ist nun die Straße zwischen Woffelsbach
und der oberen Staumauer für Motorräder gesperrt. Samstags, sonntags und
feiertags.
Diese plötzliche Ruhe in Steckenborn! Steckenborm liegt in der Höhe, von
hier stürzt sich eine Straße kurvenreich in die Tiefe nach Woffelsbach.
Zu Hunderten preschten hier an Sommertagen die Motorräder talwärts. Auf
dem Asphalt sind Sprüche zu lesen. "Nordschleife" zum Beispiel,
"Suzuki-Kurve, Gas! Ab hier 160!" Oder: "Watzmann's 4. Weizen". Watzmann
ist der anerkannt schnellste Steckenborner. Das vierte Weizen war zu
viel.
"Boxengasse" und "Fahrerlager" steht am Parkplatz mit Seeblick. Hier
waren es immer vierzig, fünfzig Motorradfahrer, die herumstanden und
Kurvenlagen kommentierten.
In diesem Teil der Eifel tragen die Leitplanken Schaumprotektoren. An
den Straßenrändern stehen Kreuze für die Gefallenen. "Fahrt euch doch am
Nürburgring tot!" schlagen Einheimische vor. Der Nürburgring liegt
achtzig Kilometer südlich. Sein Nachteil: Die Runde kostet 22 Mark. Am
Rursee dagegen fährt man kostenlos. Leider kann es hier manchmal
Gegenverkehr und Fußgänger oder Tiere auf der Fahrbahn geben. Das wird
manchmal vergessen.
Menschen, die gleichzeitig Motorradfahrer und Eifelbewohner sind,
betrachten das Thema Streckensperrungen differenziert. Die Ruhe,
natürlich, ist schön. Schön auch, daß diese Verrückten mit ihren 140 PS,
den jaulenden Vierzylindern und von allen Schalldämpfern befreiten
"Krawalltüten" vergrault werden, sobald sich das Fahrverbot
herumgesprochen hat. Andererseits stehen auch für die Eifelbewohner
Lieblingsstrecken auf dem Spiel.
Betrachten wir Ernie aus Steckenborn. Sozialarbeiter, zwei Kinder, Moto
Guzzi mit Lafranconi-Auspufftüten, die keinen guten Ruf, aber einen
guten Sound haben. Ernie ist "heute vernünftig". Als jugendlicher
Mopedfahrer hat er runter nach Woffelsbach jeden abgehängt. Gefahren
wurde nur auf der äußersten Profilrille. Held der Dorfjugend war, wer
nach wiederholtem Aufsetzen die spitzesten Fußrasten vorweisen konnte.
Selbst zwei lebensbedrohende und zahllose kleinere Unfälle konnten das
Verhältnis zwischen Ernie und seinem Motorrad nie ernsthaft trüben. Erst
neulich ist sein Kumpel unter einer Leitplanke durchgerutscht -
querschnittsgelähmt. Trotzdem: Wenn die Sonne rauskommt über der Eifel,
juckt es in der Gashand. Dann muß Ernie eben mal runter, an den Rursee.
An irgendwelche Rekorde denkt Ernie dabei nicht. Ein Bekannter ist stolz
darauf, daß er die lange Kurve vor Steckenborn mit 180 nimmt, beim
Kurvenausgang voll aufdreht und am Ortseingangsschild 220 Sachen auf der
Uhr hat. Eine Leistung, von der unter Motorradfahrern mit einer Mischung
aus Respekt und Kritik gesprochen wird.
"Nur die Besten sterben jung", hat ein Idiot auf den Asphalt gekritzelt.
Teil des Motorradproblems am Rursee ist es, daß an sonnigen Wochenenden
zu viele hier eintreffen, die den Spruch gar nicht für idiotisch halten.
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Mit freundlichen Grüßen
Comet |
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