| Comet |
| Piratenkapitän |
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| Anmeldedatum: 26.02.2007 |
| Beiträge: 481 |
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Fahren + Stehen = Treffen
Eigentlich müssen Motorradfahrer immerfort fahren, fahren, fahren. Das
hat zwei Gründe. Der erste ist ein fahrphysikalischer: Einem Motorrad,
das steht, fehlen die stabilisierenden Kreiselkräfte. Es fällt um. Der
zweite Grund ist ein thermischer: Die Abkühlung des Körpers durch den
Fahrtwind ist enorm und steigt im Quadrat der Geschwindigkeit. Man muß
sich warm anziehen. Folgerichtig ist ein stehender Motorradfahrer stets
viel zu warm angezogen. Aus der Not haben die Motorradfahrer eine
Philosophie gemacht: Der Weg ist das Ziel. Das Verbrennen fossiler
Brennstoffe ist ein Wert an sich, gestoppt wird nur zum Tanken.
Nun hat der Motorradfahrer aber auch noch andere Interessen: Er will,
daß man um seine Maschine herumsteht, über spezielle Federbeine spricht
und fragt, welcher TÜV den mordsmäßig lauten Krawalltüten seinen Segen
gegeben hat. Zur Befriedigung solcher Bedürfnisse wurden die
Motorradtreffen beziehungsweise "Treffs" erfunden.
Ein Motorradtreffen entsteht so: Jemand hängt in der Stadt Plakate auf
und schaltet Anzeigen in Motorradillustrierten, die besagen, daß es
jetzt endlich den Bremer Motorradtreff. Gebrauchtbörse, Tatoos,
Ledermoden, Benzin reden, Burnout-Show, Motorradkorso durch die
Innenstadt gebe. Schon versammeln sich am Sonntag auf einer
Industriebrache hundert Motorradfahrer, sogar aus Osterholz-Scharmbeck
und Sulingen, treten von einem Bein aufs andere und sind zu warm
angezogen. Ihre hochentwickelte Kommunikationsform heißt "Benzin reden"
(A: "Masse Japsenhobel hier." - B: "Die Reisschüsseln gehen einem
tierisch auf den Senkel." - A: "Na ja, Hauptsache Wetter stimmt.")
Ein Mann namens Grobi läßt derweil sein Hinterrad so lange durchdrehen,
bis alles Gummi am Asphalt klebt und der Reifen platzt. Das heißt
"Burnout", ist laut und stinkt und gilt als unverzichtbares Opferritual
bei Treffen. An Tapetentischen demonstrieren die Motorradfahrer ihr
unverkrampftes Verhältnis zum Tod, indem sie Totenköpfe zum Umhängen
oder Aufbügeln erstehen oder sich auf den Oberarm tätowieren lassen.
Mittags bricht man auf zum Korso durch die Innenstadt, 5000 dröhnende PS
- eine machtvolle Demonstration für irgendwas.
Wem ein Treffen als solches nicht reicht, der stellt es unter ein Motto.
Man unterscheidet Oldtimertreffs, Markentreffs, Treffs aus Anlaß einer
Motorsportveranstaltung und Betroffenentreffs. Das sind
problemorientierte Begegnungen von Minderheiten Stammtische für
Gespannfahrer (Gespann: eine Kreuzung von Auto und Motorrad, die alle
Nachteile beider Fortbewegungsmittel miteinander verbindet); Stammtisch
für alle Women on Wheels (mit Pannenkurs); Vater-und-Kind-Gruppe ("Der
kleinste Helm wo erhältlich?"); Treffen christlicher
Motorradfahrer/innen Heavens-Rider (im evangelischen Gemeindehaus,
Thema: Vorbereitung des nächsten Motorradfahrer-Gottesdienstes). Der
Gottesdienst ist übrigens ein erstaunlich beliebtes Treffen. Das Motto
heißt in der Regel: "Fahr nicht schneller, als dein Schutzengel fliegt!"
Der unangefochtene Treff-Klassiker aber ist das Elefantentreffen. Mitten
im Winter versammeln sich in einem schneesicheren Gebiet - zum Beispiel
am Nürburgring in der Eifel oder am Salzburgring - beinharte
Motorradfahrer bei Glühwein und Pichelsteiner Eintopf. Sie wohnen in
Zelten, verachten Sommerfahrer und singen Lieder. Da die Motorradkultur
menschheitsgeschichtlich gesehen noch jung ist, hat sie bisher kein
eigenes Liedgut entwickeln können. Zum Winterhimmel steigen aus hundert
Männerkehlen Weisen wie "Wir lagen vor Madagaskar". 1953 trafen sich die
ersten vier "Elefanten" (Synonym für das "elefantenstarke" Motorrad
Zündapp KS 601) in einem Privatgarten. 24 Jahre später waren es allein
in der Eifel 30 000, die 26 Schwerverletzte zurückließen und einen toten
Polizisten.
Seitdem haben sich die Elefantentreffen deutlich zivilisiert. Bei jedem
Treffen, das auf sich hält, gibt es einen Moment schönster und tiefster
Gefühle - die Gedenkminute. Die Motorradfahrer gedenken ihrer Toten. Es
ist Nacht. Fackeln sind ausgegeben. Eine Liste wird verlesen: Harry in
der algerischen Wüste . . . Mike auf der B 75 . . . Betroffenheit, ja
Tränen findet man dann in harten Gesichtern.
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Mit freundlichen Grüßen
Comet |
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