| Comet |
| Piratenkapitän |
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| Anmeldedatum: 26.02.2007 |
| Beiträge: 481 |
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Frauen in Angst
Es gibt Männer, die stricken Mützen und wechseln ihren Kindern die
Windeln. Es gibt Frauen, die fahren Motorrad. Am 1. Juli 1995, so die
aktuellste Zahl des Kraftfahrt-Bundesamtes, gab es in Deutschland 303
835 Kraftradhalterinnen. Sie halten dreizehn Prozent des
Gesamtbestandes. Also müßte statistisch auf jedem achten Motorrad, das
an uns vorbeidonnert, eine Frau sitzen. Tatsächlich sitzt da eine Frau,
aber hinten. In Wahrheit sind Motorradfahrerinnen im Straßenbild eine
rare Ausnahme. Außer bei Frauen-Motorradtreffen und neulich im Odenwald.
Neulich im Odenwald, am Ende einer Schotterstraße mit sehr engen
Spitzkehren, in einem Heim der Naturfreunde, hatten sich elf
Motorradfahrerinnen um eine Fahrlehrerin und eine Psychologin geschart.
Hier ereignete sich das (wahrscheinlich weltweit) erste
Anti-Streß-Motorradtraining für Frauen. Um gleich die Dimension der Not,
die die Frauen in dieses Seminar trieb, zu verdeutlichen: Ein Mann hatte
seine Freundin mit dem Auto gebracht. Ihr Motorrad stand auf dem
Anhänger.
Elf Frauen zogen ihre Lederstiefel aus, legten sich auf den Boden,
hörten lateinamerikanische Musik und versuchten, sich fallenzulassen.
Als das geschafft war, durften sie über ihre Ängste reden. Die Ängste
der Frauen beim Motorradfahren! Was da zusammenkam, würde einem Mann den
Kommentar entlocken: Die haben Angst vor dem Motorradfahren selbst.
Warum nur tun sie sich das überhaupt an? Wohlan: Fragen wir Elke.
Die Anti-Streß-Motorradtrainerin Elke Radewald ist Speditionskauffrau,
Diplompsychologin und natürlich Motorradfahrerin. Natürlich? Natürlich
wurde sie von ihrem Freund überredet, den Führerschein zu machen. Am
ersten Tag hat sie ihr Motorrad dreimal umgeworfen. Statt an einer engen
Stelle das Motorrad zu wenden, fuhr sie lieber drei Kilometer Umweg. Als
sie mal über eine steile Rampe auf eine Fähre mußte, war die ganze
Überfahrt versaut, weil sie nicht wußte, wie sie da wieder runterkommen
würde. Da erinnerte sie sich an ihre Psychologie. "Ich habe mit mir
gearbeitet. Ich habe visualisiert, wie es klappen könnte, statt mir
vorzustellen, wie es schiefgeht. Ich habe schwer gearbeitet. Dann habe
ich es gemacht." Sie ist einfach runtergefahren. Die anderen
Motorradfahrerinnen an Bord ließen sich ihre Motorräder von Männern an
Land fahren. Da war die Idee geboren: Ein Anti-Streß-Motorradtraining
für Frauen muß her, jawoll!
Ach, der Odenwald. Seine Spitzkehren. Frauen und Spitzkehren. Die erste
Spitzkehre nach dem mentalen Training, und es machte rums. Eine Frau war
gestürzt. "Ich weiß gar nicht, wieso: Immer wenn ich anhalte, falle ich
um." Kurze Besinnung, Anhalten in Zeitlupe - aha! Sie bremst nur mit der
Vorderbremse, das Rad blockiert, die Maschine kippt um. Eine Kleinigkeit
eigentlich. Da macht es schon wieder rums. Die nächste liegt auf dem
Asphalt.
Was finden Frauen am Motorradfahren schön? "Ich gucke mich gern in der
schönen Gegend um", sagt Elke. Männer interessieren sich weniger für die
schöne Gegend, insbesondere, wenn sie aus Bäumen besteht, die den Blick
auf den Verlauf der Spitzkehren verstellen. Männer lieben Spitzkehren.
Wegen der Grenzerfahrung. Die Frauen fahren abends nicht mehr ins
Gasthaus zum Essen und schieben lieber Kohldampf. Wegen der Spitzkehren.
"Focusing" heißt Elkes Methode. Ihre Grundannahme ist optimistisch: Wir
wissen tief in uns drinnen schon, was richtig wäre und gut für uns ist.
Man muß nur tief genug nachschauen. Was befürchtest du? Hast du eine
Idee, wie es gehen könnte? Was brauchst du? Fleißiges Focusing findet
einen Weg, wie man ohne Blamage sein Motorrad vor den Augen anderer
Motorradfahrer abstellt oder gar aufbockt, für Frauen eine Streßlage
sondergleichen. Einmal ist Elke vor lauter interessierten Männern
("Jetzt müssen die Weiber auch noch Motorrad fahren") gestartet. Leider
steckte das Schloß noch in den Speichen. Elke hat es mental überlebt,
aber sie ist ja auch psychologisch geschult.
Die Psychologin hat jetzt eine Hotline eingerichtet. Motorradfahrerinnen
in Not dürfen 0621/85 88 27 anrufen. Im nächsten Jahr gibt es das
nächste Seminar. Es gibt kein Seminar für Männer, die ihre Frauen zu den
Seminaren karren.
Ach ja, Elke sagt von sich: "Ich bin ein ganz großer Pausenfan." Wenn
man die Pause als das Gegenteil von Motorradfahren definiert, verbirgt
sich hier womöglich die Antwort auf die Frage, warum man auf der Straße
so selten Motorradfahrerinnen sieht.
Nächster Artikel: Fahren + Stehen = Treffen
Mit freundlichen Grüßen
Comet |
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