Vorbildliche Schadensabrechnung

Es begab sich einmal vor langer, langer Zeit in einem bayerischen Gefilde, als die Welt noch halbwegs in Ordnung gewesen ist, dass einem unschuldigen Verkehrsunfallopfer ein regelrechter Segen zuteil wurde, nämlich eine ordentliche, korrekte und schriftliche Schadensabrechnung.

Mitnichten ist das heute noch üblich, was sich seinerzeit zugetragen hat, denn heute werden zwar in ausführlichen Anspruchsschreiben detaillierte Forderungen erhoben und mit Belegen hinterlegt, worauf dann – lange nach Ablauf der gesetzten Regulierungsfrist und nach vielen Telefonaten und vielleicht sogar Drohungen – beim darbenden Anwalt des Unfallopfers irgendein Betrag, endend mit ,87, eingeht und nur der Hellseher wissen kann, wie sich dieser Betrag zusammensetzt und worauf nun eine Entschädigung geleistet sein soll.

Oft und immer öfter werden Unfallopfer, vielleicht sogar deren Anwälte, mit solcher Ratlosigkeit vielleicht bewusst überzogen.

Was waren das damals doch noch für tolle Zeiten, in denen selbst das nicht anwaltlich beratene Unfallopfer nicht nur irgendeinen Geldbetrag hingeworfen bekam sondern ein korrektes und der Rechtslage entsprechendes, ausführliches Abrechnungsschreiben erhielt, etwa wie im folgenden Fall:

Der Anwalt hatte gegenüber dem Amt für Verteidigungslasten eine Forderung beziffert und belegt und die Berechnung seiner Rechtsanwaltskosten sogar noch hintan gestellt, da schrieb das Finanzamt, Abteilung Verteidigungslasten, den nachfolgenden, segenvollen Brief:

"Sehr geehrte Damen und Herren, auf den vorbezeichneten Antrag wird eine Entschädigung in Höhe von 3.761,15 € (i. W. dreitausendsiebenhunderteinsechzig Euro) gewährt. Unter Berücksichtigung der Vorauszahlung in Höhe von 1.600,00 € wird demnächst durch die Bundeskasse Nürnberg der Restbetrag in Höhe von 2.161,15 (i. W. zweitausendeinhunderteinundsechzig €) auf Ihr Konto mit der Nummer xxx bei der HypoVereinsbank …., BLZ xyz, überwiesen werden. Im Übrigen wird der Antrag abgelehnt.

Bei meiner Entschließung bin ich davon ausgegangen, dass die Vereinigten Staaten von Amerika den Unfallschaden dem Grunde nach in vollem Umfang zu vertreten haben. Dem Antrag konnte wie folgt entsprochen werden:

1. Fahrzeugschaden, gefordert 1.700,00 €, reguliert 1.700,00 €

2. Gutachterkosten, gefordert 223,47 €, reguliert 223,47 €

3. Nutzungsausfallschaden, gefordert 851,81 €, reguliert 601,30 €

4. Schmerzensgeld, gefordert 750,00 €, reguliert 700,00 €,

5. Attestkosten, gefordert 17,99 €, reguliert 17,99 €

6. Abschleppkosten, gefordert 241,33 €, reguliert 241,83 €

7. Pauschale Unkosten, gefordert 26,00 €, reguliert 26,00 €

8. Rechtsanwaltsgebühren, nicht beziffert, reguliert 250,56 €

insgesamt gefordert: 3.811,10 €, insgesamt reguliert: 3.761,15 €

zu Ziffer 3.

Der PKW war zur Unfallzeit bereits über 10 Jahre alt (Erstzulassung 10.05.1989). Das Alter des Fahrzeuges ist bei der Gewährung der Nutzungsausfallentschädigung zu berücksichtigen. Auf die Ausführungen von Sanden / Danner / Küppersbusch zur Nutzungsausfallentschädgung (NJW 2000, Beilage zu Heft 6) wird hingewiesen. Es wird deshalb ein Tagessatz von 42,95 € (84,00 DM) als angemessen erachtet. Für die Wiederbeschaffung eines Ersatzfahrzeuges wurden im Gutachten 14 Kalendertage veranschlagt, so dass sich eine Entschädigung von 601,30 € ergibt.

Zu Ziffer 4:

Folgende unfallbedingte Verletzungen sind eingetreten: HWS-Schleudertrauma mit Muskelverhärtung, HWS-Schulterbereich rechts und links. Aufgrund des ärztlichen Attestes sowie von der Rechtsprechung in vergleichbaren Fällen zuerkannten Schmerzensgeldbeträgen (vgl. Hacks / Ring / Böhm, 20. Auflage, lfd. 291, 295) wird das Schmerzensgeld für die oben aufgeführte Verletzung sowie für deren Behandlung und Folgen auf 700,00 € festgesetzt.

Zu Ziffer 8:

Die Rechtsanwaltsgebühren errechnen sich nach §§ 118, 26 BRAGO aus einem Gegenstandswert von 3.510,59 € wie folgt:

8/10 Geschäftsgebühr      196,00 €

Unkostenpauschale            20,00 €

MWST                                  34,56 €

insgesamt                         250,56 €

Gegen diese Entschließung kann innerhalb von 2 Monaten nach Zustellung vor den ordentlichen Gerichten Klage erhoben werden. Die Klage ist gegen die Bundesrepublik Deutschland, in Prozessstandschaft für die Vereinigten Staaten von Amerika handelnd, vertreten durch die Oberfinanzdirektion Nürnberg, Krelingstraße 50, 90408 Nürnberg, zu richten."

Mit freundlichen  Grüßen, im Auftrag, es folgt die Unterschrift des Sachbearbeiters mit ausdrücklicher Namensnennung.

Das nenne ich eine Schadensabrechnung!!!!!

Mittlerweile können sich nahezu alle Versicherer in Deutschland daran ein Beispiel nehmen, insbesondere diejenigen, die – wie oben geschildert – auf jegliches, auch unordentliches Abrechnungsschreiben verzichten und dem Geschädigten irgendeinen Brocken hinschmeißen nach dem Motto "Friss und halts Maul".

Offensichtlich sind sie aber vorbei, die Zeiten, in denen man mit den Unfallopfern in der Korrespondenz und in der Abwicklung korrekt umgegangen ist.

Unfallopfer sind in den Augen mancher Versicherer offensichtlich nur noch personae  ingratae, die einem mit ihren Ansprüchen die Bilanz verhageln. Derart böse Leute haben es sicher nicht verdient, dass man ihnen auch noch mühevoll erläutert, wie sich die Regulierungsleistung zusammensetzt und weshalb welche Beträge gezahlt werden und welche nicht.

Dabei geböte doch bereits der jedem Unfallopfer gebührende Anstand, dass man eine ordentliche und plausible Abrechnung erteilt. Viele Versicherer sind aber wohl nicht mehr in der Lage, den Werbeeffekt eines korrekten und plausiblen Abrechnungsschreiben zu erkennen.

Die Sitten verrohen und man denkt wehmütig an die guten alten Zeiten, die leider wohl nicht mehr wiederkehren werden.

Euer Gloeckchen

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