Ihr Auto ungewollt in der Restwertbörse! Was würden Sie dagegen tun?

Kürzlich wurde ich von einem Anspruchsteller eins Kfz-Haftpflichtschadens beauftragt, dessen betagtes Unfallfahrzeug zu begutachten. Nach der Inaugenscheinnahme stellte ich einen Reparaturaufwand in Höhe von Brutto rund EUR 5.500,- fest und konnte den Wiederbeschaffungswert des Fahrzeugs ohne MwSt-Ausweis bei EUR 3.850,- ermitteln – also ein deutlicher Totalschaden!

Zusätzlich zur üblichen Methode, den Restwert für dieses Fahrzeug via E-Mail auf dem örtlichen/regionalen und seriösen Fahrzeugmarkt zu ermitteln, beabsichtigte ich, dieses Unfallauto zusätzlich und versuchsweise auch einmal in eine Internetrestwertbörse einzustellen. Dabei war mir zwar bewusst, dass ich damit möglicherweise Verhandlungen über fremdes Eigentum einleite, aber welcher Unfallgeschädigte surft schon im Internet und verirrt sich dann ausgerechnet noch auf diese Restwertbörse. Etwas nervös war ich doch schon bei dem Gedanken, ohne Kenntnis und ausdrückliche Erlaubnis meines Auftraggebers (der zwar Fzg-Halter aber nicht Fzg-Eigner war) dessen Unfallwagen der Internetöffentlichkeit zum Verkauf anzubieten, zumal der geknickte Flitzer ja auch nicht in meinem bescheidenen Vermögen stand. Egal – da musste ich jetzt durch!  Als ich nach eingehender Recherche eine tolle Restwertbörse gefunden und mich (auch noch mit meinem Namen etc.) dort angemeldet hatte, wurde ich von der Website aufgefordert, auch sensible Daten einzugeben. Ansonsten könnte das Fzg überhaupt nicht eingestellt werden. Nun gut – Daten hatte ich ja genügend. Trotzdem wurde ich zunehmend nervöser, denn einige der dort teilweise „zwingend“ anzugebenden Daten umfassten auch Positionen wie: Den Fzg-Standort, die kompl. Reparaturkalkulation, die Fahrgestellnummer, ob Fzg-Brief vorhanden, ob MwSt. ausweisbar, u.s.w.! Zusätzlich bot die Restwertbörse sogar noch eine so genannte „Regionaleinschränkung“, was ich wirklich gut fand. Damit konnte ich zumindest meinen regionalen Markt eingrenzen – dachte ich, denn diese Option war leider ohne jede Funktion. Möglicherweise sollte diese Option, demjenigen, der dort ein Häkchen setzte, ja auch nur das Gefühl geben, einen eingeschränkten regionalen Markt eruiert zu haben. Sodann lies ich voller Erwartung den fremden Server auf meinen Rechner zugreifen und sich ein paar Bilder uploaden – dabei wird mir deren Server bestimmt kein „Ei ins Nest“ gelegt haben.

Nach einer ziemlich unruhigen Nacht, plagten mich auch am Folgetag doch noch einige Gewissensbisse. Ich befürchte, dass ich mich (durch meine unerlaubte Veröffentlichung, Fremdverarbeitung und Fremdspeicherung einiger dort abgefragten Daten, wie beispielsweise die kompl. Reparaturkalkulation und ob Vorsteuerabzugsberechtigung vorliegt u.s.w.) ernsthaft mit erheblichen rechtlichen Konsequenzen auseinander setzen müsste,

Wink … wenn ich den hier betroffenen Fzg-Eigner nicht persönlich kennen würde! Also offenbarte ich dem Fzg-Besitzer meinen gewagten Ausflug in einem aufklärenden Telefonat. Dieser entschuldigte mein eigenmächtiges Handeln unter der Bedingung, dass ich seine Daten wie auch sein Unfallfahrzeug umgehend aus der Internetrestwertbörse zu löschen hätte. Die möglicherweise erzielbaren Internetrestwerte dürfe ich ebenso zu meiner Information und nicht etwa für das Gutachten nutzen. Dieser Firlefanz mit den Internetrestwertbörsen ist mir  dann doch zu riskant, sodass ich zukünftig meine Gutachten wie ansonsten üblich mit einem örtlich/regional via E-Mail ermittelten Restwert erstellte.

Wehrte Leser, mir ist bekannt, dass dieses hier beschriebene Procedere (natürlich bis auf das Telefonat mit dem Fzg-Eigner) bei vielen „anderen Sachverständigen“ durchaus gängige Praxis ist. Täglich werden hunderte Unfallfahrzeuge von „anderen Sachverständigen“ in Restwertbörsen feil geboten, wozu sicher keines Fahrzeugbesitzers Einverständniserklärung vorliegt.

Welche Meinung haben ordentliche SV-Kollegen hierzu? Wie sehen das die Juristen? Wie würden Sie beispielsweise als RA, den über mich und meine Eigeninitiative gewaltig erbosten Fzg-Besitzer vertreten? Womit würden Sie mich (abgesehen von der bekannten BGH-Rechtssprechung) als RA des Fzg-Besitzers konfrontieren?

Um rege Diskussion wird gebeten. Nebenbei gestattet dieser Beitrag den „anderen Sachverständigen“, die wie hier beschrieben mit Restwertbörsen arbeitenden, sorgfältige Denkarbeit.

PS: Randinformation für Nichtsachverständige und Nichtjuristen …

„Der Restwert eines Unfallfahrzeugs ist nach gefestigter Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs der Betrag, den der Geschädigte im Rahmen der Ersatzbeschaffung nach § 249 Satz 2 BGB a.F. (nunmehr § 249 Abs.2 Satz 1 BGB) bei einem seriösen Gebrauchtwagenhändler im örtlichen Bereich oder bei dem Kraftfahrzeughändler seines Vertrauens bei Inzahlunggabe des beschädigten Fahrzeugs, also auf dem sog. „allgemeinen“ Markt noch erzielen könnte (vgl. die Entscheidungen des BGH v. 21.1.1992 – VI ZR 142/91 = NJW 1992.903 = DAR 92,172; vom 6.4.1993 – VI ZR 219/98 = NJW 93,1849 = DAR 93,251 = NZV 93,1849 und vom 30.11.1999 – VI ZR 219/98 = NJW 2000, 800 = DAR 2000,159 vgl. ferner die Zusammenfassung der Rechtsprechung des BGH durch den 40. Deutschen Verkehrsgerichtstag in Goslar, NZV 2002, 77; Geiger/Rixacker, Der Haftpflichtprozess, 24. Aufl., S.88, Rdn.44).“

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